Rudolf Hurni, 1914-2003

Rudolf Hurni wird 1914 in Studen bei Biel (Kanton Bern) geboren. Er wächst als zweitjüngster mit zehn Geschwistern auf. Als er vier Jahre alt ist, stirbt seine Mutter.

Als Jugendlicher beginnt Rudolf Hurni, sich für das Gebiet der Grafik zu interessieren und absolviert gegen den Willen seiner Familie nach der obligatorischen Schulzeit eine Lehre als Schriftenmaler. Hurni meint rückblickend über seine Zeit als Lehrling, dass er ein unangenehmer Schüler gewesen sei, weil er Kritik nicht akzeptieren konnte und bereits früh bemerkt hatte, dass er seinen eigenen Weg verfolgen müsse.

1934 bis 1935 zieht es ihn nach Brüssel, wo er Kurse an den dortigen Kunstgewerbeschulen besucht. Nach acht Monaten bricht er jedoch den Aufenthalt und die Weiterbildung in Brüssel ab und kehrt in die Schweiz zurück. Er arbeitet fortan in Bern als Schriftenmaler und Grafiker. Sein dortiges Aufeinandertreffen mit Paul Klee beeinflusst den 35 Jahre jüngeren Rudolf Hurni sehr.

Er vermeidet in dieser Zeit feste Anstellungen, um jederzeit mit seinem Ersparten nach Berlin oder Paris reisen zu können, das grosse Ziel des jungen kunsthungrigen Hurni. 1939 lässt er sich in Zürich nieder und ist im gleichen Jahr für die bekannte Landesausstellung, genannt «Landi», tätig.

Während der Kriegsjahre wird Hurni als Hilfsdienstsoldat eingezogen und im Magazin der Flugzeugkonstruktionswerke des Waffenplatzes Thun beschäftigt.

Nach Ende des Kriegsdienstes kehrt er nach Zürich zurück und nimmt Unterricht an der Kunstgewerbeschule, unter anderem bei Ernst Georg Rüegg und Max Gubler.

1945 richtet Hurni in Aarau sein eigenes Atelier ein. Er ist hauptsächlich als Schriftenmaler tätig, bildet sich aber in Kursen an den Kunstgewerbeschulen in Bern und Zürich fort und beginnt schrittweise mit dem Malen, das für ihn eine immer regelmässigere Tätigkeit wird.

Die Wurzeln von Hurnis Werk sind in seiner Ausbildung als Schriftenmaler zu suchen, ein Berufsbild, das Genauigkeit, Qualität und künstlerische Kreativität voraussetzt. Als er sich dann künstlerisch verwirklicht, entstehen in den ersten Jahrzehnten seines Schaffens Städte- und Hafengemälde sowie Porträts und Früchtestillleben. Die naiv anmutenden Gemälde sprechen oft eine melancholische, aber auch geordnete Sprache. Die Inhalte der Bilder sind stark strukturiert, und Hurni scheint bereits früh fest gelegt zu haben, dass er der Nachlässigkeit in seinen Werken keinen Raum gibt. In vielen seiner Gemälde ist der Pinselstrich kaum wahrnehmbar, da Hurni mit einer extremen Genauigkeit und Feinheit arbeitet.

1951 zieht er nach Zürich und wird vier Jahre später in die Gesellschaft Schweizerischer Maler, Bildhauer und Architekten aufgenommen, eine Anerkennung seines stetig wachsenden malerischen Werks. Ebenfalls 1955 wird Hurni mit der Silbermedaille am Salon des Beaux Arts de la Société Nationale des Beaux Arts vom Musée d’art moderne de la Ville de Paris ausgezeichnet. 

Die Teilnahme an der ersten Gruppenausstellung erfolgt 1958 im Helmhaus Zürich. Hurnis erste Einzelausstellung findet 1961 in der städtischen Galerie Strauhof in Zürich statt.

Die Jahre 1962 bis 1966 sind von längeren Reisen durch Italien geprägt, die er sich finanziell erlauben kann, weil er drei Kunstförderungsbeiträge des Kantons Zürich erhält. In Italien ist es insbesondere Giotto und die Kunst der Renaissance, die ihn in ihren Bann ziehen und ihn entdecken lassen, dass die Künstler der Renaissance seine Präferenzen bezüglich Farben teilten.

Mit 50 Jahren lernt Hurni den italienischen Maler Giorgio Morandi kennen und konzentriert sich in der Folge noch stärker auf Stillleben und die Darstellung von Frauen. Aus dem kaum wahrnehmbaren Pinselduktus wird ein pastoser Malstil, mit dem Hurni die Farbflächen zusammenfügt, und er dabei weniger auf die malerische Feinheit in seinen Kompositionen fokussiert ist.

Hurni bleibt lange auf dem eingeschlagenen Pfad der figurativen Darstellungen in der Malerei. In den 1960er Jahren entstehen neben den bisherigen Sujets hauptsächlich Porträts. In diesen Jahren gibt er seine Tätigkeit als Schriftenmaler auf, um seitdem als freischaffender Maler zu arbeiten.

1982, mit 68 Jahren, muss sich Hurni einer Darmoperation unterziehen und begibt sich gemäss dem Rat der Ärzte zur Erholung nach Heiden. Dort kann er jedoch nicht lange ohne seine Kunst auskommen und besorgt sich hinter dem Rücken des Sanatoriumpersonals Malutensilien. Zu seiner eigenen Verwunderung beginnt er geometrische Kompositionen zu gestalten. Zu den figurativen Darstellungen kehrt Hurni nicht mehr zurück, sondern bleibt konsequent bei der geometrischen Kunst. Sein neues künstlerisches Zuhause ist die konstruktive Malerei. Einfache geometrische Bildordnungen in klaren und satten Farben fügen sich in immer wieder wechselnden Strukturen und Farbkombinationen neu zusammen. Hurnis Variantenreichtum ist virtuos. Seine geometrischen Werke nötigen die Betrachter, sie lange und ausgiebig anzuschauen. Nur so können die Feinheiten der Werke entdeckt werden. Präzises Arbeiten ist eine grundlegende Voraussetzung für diese Art von Kunst.

Die grundlegende Stiländerung im Œuvre des Künstlers, der zunächst figurativ malt und sich dann durch existentielle gesundheitliche Schwierigkeiten auf die strenge Geometrie besinnt, kann auf den ersten Blick als extremer Umbruch und Gegensätzlichkeit in seinem Werk wahrgenommen werden. Jedoch hat Hurni bereits in seinen Arbeiten, die beispielsweise Städteansichten oder Porträts zeigen, vorweggenommen, was seine späteren geometrischen Werke ausmacht: Schönheit durch Präzision und Ordnung.

Die folgenden Jahre verbringt er hauptsächlich in Zürich, reist aber häufig nach Bern oder ins Tessin.

Ab 1984 beginnt Hurni, seine geometrische Formensprache auf dreidimensionale Werke anzuwenden und entwickelt zunächst einfache, quaderförmige Stelen und später solche mit einer dreieckigen Grundfläche, die er mit Leinwand bezieht und mit seiner konstruktiven Kunst bemalt.

1988 wird Hurni Mitbegründer der Gruppe X in Zürich, zusammen mit Hey Heussler, Ruth Senn-Wetli, Rainer Alfred Auer, Michael Baviera, Arturo di Maria, Willi Goetz und müller-emil. Die beteiligten Kunstschaffenden beziehen sich auf die Traditionen der konkreten Kunst und auf die Geometrie bzw. deren Elementarformen und Ordnungsstrukturen. Spätestens jetzt steigt Hurni in die Liga der federführenden Konstruktiven der Schweiz auf.

Ein Jahr später erscheint die erste Monographie über Rudolf Hurni, die ihn und sein Werk einem breiteren Publikum bekannt macht. In den folgenden Jahren präsentieren weitere Bücher und Ausstellungen sein Oeuvre.

Im Jahr 2000, mit 86 Jahren, erleidet Hurni einen Herzinfarkt. Deshalb muss er nach seiner Rückkehr aus dem Spital sein Atelier und seine Wohnung in Zürich aufgeben und zieht nach Bern. Dort eröffnet er zum Jahreswechsel ein neues Atelier.

In der Fondation Saner in Studen wird Hurni mit einer umfangreichen Retrospektive geehrt.

Im April 2003 verstirbt Rudolf Hurni in Bern, unweit seines Ateliers.

 

Rudolf Hurni, 1914-2003

Rudolf Hurni was born in Studen near Biel (Canton Bern) in 1914. He grows up as the second youngest with ten siblings. When he was four years old, his mother died.

As a teenager, Rudolf Hurni began to be interested in the field of graphic art and, against the will of his family, completed an apprenticeship as a type painter after completing compulsory schooling. Looking back on his time as an apprentice, Hurni said that he was an unpleasant student because he could not accept criticism and had noticed early on that he had to pursue his own path.

From 1934 to 1935 he moved to Brussels, where he attended courses at the local arts and crafts schools. After eight months, however, he broke off his stay and further training in Brussels and returned to Switzerland. From then on he worked in Bern as a type painter and graphic artist. His meeting there with Paul Klee influenced Rudolf Hurni, who was 35 years his junior, very much.

During this time he avoids permanent employment in order to be able to travel to Berlin or Paris with his savings at any time, the great goal of the young art-hungry Hurni. In 1939 he settled in Zurich and in the same year worked for the well-known national exhibition called “Landi”.

During the war years, Hurni was drafted as an auxiliary soldier and was employed in the warehouse of the aircraft construction works at the Thun arsenal.

After the military service, he returned to Zurich and took lessons at the arts and crafts school, his teachers were among others Ernst Georg Rüegg and Max Gubler.

In 1945, Hurni set up his own studio in Aarau. He mainly worked as a type painter, but took courses at the arts and crafts schools in Bern and Zurich and gradually began to paint, which became an increasingly regular activity for him.

The roots of Hurni’s work can be found in his training as a type painter, a job that requires accuracy, quality and artistic creativity. When he then realized himself artistically, in the first decades of his oeuvre he created city and harbor paintings as well as portraits and fruit still lifes. The seemingly naive paintings often speak a melancholy but also orderly language. The contents of the pictures are strongly structured, and Hurni seems to have determined early on that he does not allow any space for carelessness in his works. In many of his paintings the brushstroke is barely noticeable, as Hurni works with extreme precision and delicacy.

In 1951 he moved to Zurich and four years later he was accepted into the Society of Swiss Painters, Sculptors and Architects, a recognition of his steadily growing painterly work. Also in 1955, Hurni was awarded the silver medal at the Salon des Beaux Arts de la Societé Nationale des Beaux Arts from the Musée d’art moderne de la Ville de Paris.

Participation in the first group exhibition took place in 1958 in the Helmhaus Zurich. Hurni’s first solo exhibition took place in 1961 at the municipal gallery Strauhof in Zurich.

The years 1962 to 1966 were marked by long trips through Italy, which he could afford financially because he received three art grants from the canton of Zurich. In Italy, it is especially Giotto and the art of the Renaissance that cast a spell over him and allow him to discover that the Renaissance artists shared his preferences in terms of color.

At the age of 50, Hurni met the Italian painter Giorgio Morandi and subsequently concentrated even more on still lifes and depictions of women. The barely perceptible brushstroke turned into a pastose style of painting, with which Hurni joined the colored surfaces, while he was less focused on the painterly delicacy of his compositions.

Hurni stayed on the path of figurative representations in painting for a long time. In the 1960s, alongside the previous subjects, mainly portraits were createtd. During these years he gave up his work as a type painter in order to work as a freelance painter ever since.

In 1982, at the age of 68, Hurni had to undergo an intestinal operation and, according to the advice of the doctors, went to Heiden to recover. There, however, he could not do without his art for long and procured painting utensils behind the back of the sanatorium staff. To his own amazement, he began to create geometric compositions. Hurni did not return to figurative paintings, but remained consistently with geometric art. His new artistic home was constructive painting. Simple geometric picture arrangements in clear and rich colors are reassembled in ever-changing structures and color combinations. Hurni’s wealth of variants is virtuoso. His geometric works compel the viewer to look at them long and carefully. This is the only way to discover the subtleties of the works. Precise work is a basic requirement for this type of art.

The fundamental change in style in the artist’s oeuvre, who first painted figuratively and then, due to existential health problems, recalls the strict geometry, can at first glance be perceived as an extreme upheaval and contradiction in his work. However, in his paintings, which show views of cities or portraits, for example, Hurni anticipated what would characterize his later geometric works: beauty through precision and order.

He spent the following years mainly in Zurich, but often traveled to Bern or Ticino.

From 1984 Hurni began to apply his geometric formal language to three-dimensional works and initially developed simple, cuboidal steles and later those with a triangular base, which he covered with canvas and painted with his constructive art.

In 1988, Hurni co-founded the Group X in Zurich, together with Hey Heussler, Ruth Senn-Wetli, Rainer Alfred Auer, Michael Baviera, Arturo di Maria, Willi Goetz and müller-emil. The artists involved referred to the traditions of concrete art and to geometry or its elementary forms and order structures. At least now, Hurni was rising into the league of leading constructors in Switzerland.

One year later, the first monograph on Rudolf Hurni appears, which made him and his work known to a wider audience. In the following years, further books and exhibitions presented his oeuvre.

In 2000, at the age of 86, Hurni had a heart attack. That is why he had to give up his studio and apartment in Zurich on his return from the hospital and moved to Bern. There he opened a new studio at the turn of the year.

Hurni was honored with an extensive retrospective at the Saner Foundation in Studen.

Rudolf Hurni died in April 2003 in Bern, not far from his studio.

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