Klassische moderne Schweizer Kunst

In der “Klassischen Moderne der Schweizer Kunst” treffen verschiedenste Strömungen aufeinander vom Expressionismus über den Surrealismus und die Konstruktiv Konkrete Kunst (siehe eigene Rubrik) bis hin zur Pop art.
Eine wichtige kunsthistorische Rolle spielen die Schweizer Expressionisten, die sich in Davos um den deutschen Künstler Ernst Ludwig Kirchner scharten, der seit 1917 in Davos-Frauenkirch lebte und sich in der heilen Bergwelt von seinen Kriegstraumata erholte. Der Süddeutsche Maler und Bildhauer Hermann Scherer und sein Basler Kollege Albert Müller besuchten Kirchner wiederholt über viele Wochen in Davos, um mit und unter dem Einfluss des Begründers der “Brücke” in die expressionistische Bild- und Skulpturensprache einzutauchen. Gemeinsam mit dem Zürcher Paul Camenisch gründeten Scherer und Müller Mitte der 1920er Jahre die Gruppe Rot-Blau. Grosse Formate, eine starkfarbige sinnliche Palette und kräftige kantige Formen prägen das Werk dieser Künstlervereinigung ebenso wie das Spätwerk von Kirchner. Ein Höchstmass an Ausdrucksfülle war den Kunstschaffenden wichtiger als naturalistische Präzision. So lodern die dargestellten Bergwelten ebenso wie die in ihrer Existenz unsicher scheinenden Figuren in flammendem Rot, Blau und Gelb.
Neben Giovanni Segantinis realistischem Symbolismus und Pleinair Divisionismus, Ferdinand Hodlers Landschaften und Figuren des Symbolismus und Jugendstils und Giovanni Giacomettis Bündner Landschaften und Familienporträts in impressionistischer und postimpressionistischer Malweise, hat Cuno Amiet die Klassische Schweizer Kunst entscheidend mitgeprägt. Mit wenigen Unterbrüchen wirkte er zeit seines Lebens auf der Oschwand in der Gemeinde Seeberg. So malte er in seiner ersten Schaffensphase in Pont-Aven in der Bretagne im Kreise der Nabis Künstler. Hier liess er sich von deren flächigem Cloisonismus einerseits und von der heftigen postimpressionistischen Stricheltechnik Van Goghs andererseits inspirieren. 1905 im Geburtsjahr der Dresdner “Brücke” geriet Amiet in den Bann des Expressionismus, wurde als einziger Schweizer in deren Kreis aufgenommen und verschrieb sich einer stark farbigen Malerei und einem dynamischen Pinselduktus. Sein bevorzugtes Thema waren sein Haus und Atelier auf der Oschwand, eingebettet in die liebliche Landschaft des Oberaargaus. Zu jeder Jahreszeit hielt er diese ausdrucksstark auf Leinwand fest, einmal naturalistisch, einmal postimpressionistisch interpretiert und dann wieder stark stilisiert und nahezu in der Abstraktion versunken. Ausserdem interessierte sich Amiet für die Darstellung von Figuren aus seinem persönlichen Umfeld und hinterliess viele Selbstporträts.
In der Zwischenkriegszeit verschrieb sich eine Gruppe von Schweizer Künstlern der in Paris um André Breton gegründeten Kunstrichtung des Surrealismus. Angeführt von der Schweizer Gemeinde in der Seine-Stadt um Alberto Giacometti, Meret Oppenheim oder Serge Brignoni, schufen hierzulande Kurt Seligmann, Max von Moos, Walter Kurt Wiemken oder Irène Zurkinden unheimliche Traumszenerien und verzauberte Landschaften voller skurriler Körperfragmente, dämonischer Urgestalten und anthropomorpher Wesen.
In New York und London geboren, hat die Pop-art in den nachfolgenden 1960er und 1970er Jahren auch in der Schweiz ihre Spuren hinterlassen. Sehr eigenständig und teilweise provokativ haben so unterschiedliche Kunstschaffende wie Samuel Buri, Franz Gertsch, Friedrich Kuhn, Markus Raetz oder Daniel Spoerri in Öl oder Acryl, auf Papier, in der Skulptur, im Objekt wie auch im Film sich von Alltagsgegenständen, von der Werbung auf Fotos und Plakaten für ihre farbigen, plakativen, manchmal auch hintergründigen Pop-art Szenarien inspirieren lassen.
Einige in der Schweiz wirkende Künstler sind keiner Stilrichtung zuzuordnen, so der malende Schriftsteller und Nobelpreisträger Hermann Hesse mit seinen idyllischen Landschaftsaquarellen rund um Montagnola oder der Bildhauer Not Bott, der in Poschiavo aus Arvenholz raumgreifende abstrakte Skulpturen schnitt.

1. Cuno Amiet, 1868–1961

Auf der Oschwand (Frühlingslandschaft), 1921
Öl auf Leinwand, 56 x 60 cm, monogrammiert und datiert unten rechts: CA 21; auf der rückseitigen Leinwand Widmung von Cuno Amiet an seinen Künstlerfreund:
UNSEREM FREUND HANS BERGER UND SEINER FRAU mit vielen GLÜCKWÜNSCHEN ZUM NEUEN HAUS 13ten Mai 1924 A. & C. Amiet; auf dem Keilrahmen oben: C. Amiet Frühlingslandschaft. 1921

2. Cuno Amiet, 1868–1961

Am Thunersee, Blick gegen die Alpen, 1925
Aquarell über Bleistift auf Papier, 24,8 x 29,7 cm
Monogrammiert und datiert in Pinsel unten rechts: CA / 25

3. Not Bott, 1927-1998

Relikt, 1995
Arvenholz, 34 x 45 x 31 cm
Monogrammiert und datiert seitlich rechts: NB 95

4. Hermann Hesse, 1877–1962

Pugerna (bei Lugano), 14. Juni 24
Aquarell über Bleistift auf Papier, 24 x 32 cm
Bezeichnet und datiert vom Künstler links auf der Seite: Pugerna 14. Juni 24 mit Buyi; Stempel auf der Seite unten rechts: Bruno Hesse CH-3399 Oschwand; bezeichnet und gestempelt auf dem Passepartout unten links: Pugerna Bruno Hesse CH-3399 Oschwand; gewidmet in der Mitte; für Rosa; datiert unten rechts: 1924; datiert aussen auf dem Passepartout: 14. VI. 24

5. Gottfried Honegger, 1917–2016

NESS-STRANGE, 1959
Öl auf Leinwand, 76,2 x 76,2 cm
Auf der Rückseite signiert, datiert, lokalisiert und bezeichnet: oben mit Pfeil HONEGGER 1959 NEW YORK TITLE + NESS-STRANGE-

6. Morice Lipsi (Moryce Lipszyc), 1898–1986

Gruppe von zwei Masken, ca. 1944
Bronzeguss 2013 Nr. 1/6 nach dem ca. 1944 entstandenen Gipsmodell, 24 x 23 cm
Bezeichnet und nummeriert auf dem Sockel: M. Lipsi 1/6; Giesserstempel von Susse Fondeur Paris: F P Susse